Die Psychologisierung der Gesellschaft
„Mach mal Therapie!“, „Reflektier dich mal!“ oder „Schau mal in deiner Kindheit!“ Dies sind Sätze, die in Diskussionen bzw Streitgesprächen oft zu hören sind. Natürlich geht es bei diesen Aussagen oder ad-hominem- Argumenten meist darum, den „Gegner“ Schachmatt zu setzen und nicht um Erkenntnisgewinn oder Lösungen. Bei dem Versuch den Kopf aus der Schlinge zu bekommen indem man antwortet, dass man gut genug reflektiert sei und genügend Therapie gemacht habe, würde das Gegenüber einem dann vermutlich gleich Selbstüberschätzung, Narzissmus oder irgendeinen Wahn diagnostizieren.
Diese Art der Verwendung von psychologischen Begriffen und Techniken ist natürlich nichts, worüber ich mich als psychologisch Tätiger freuen kann. Dies ist auch nur die Spitze des Eisberges einer Entwicklung die man als die Psychologisierung der Gesellschaft bezeichnen kann und welche eine Folge des Neoliberalismus ist. Im Kern geht es darum, die Verantwortung gesellschaftlicher Ursachen auf das Individuum abzuwälzen. Diese Erkenntnis ist nicht neu und es gibt zahlreiche Autor*innen, die sich mit unterschiedlichen Aspekten dieser Entwicklung auseinandersetzen. Eva Illouz beschreibt beispielsweise in ihrem Buch „Warum Liebe weh tut“, wie die Psychologisierung unsere Art zu lieben prägt und Byung-Chul Han beschäftigt sich in seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft“ mit der Selbstoptimierungslogik und Psychologisierung von Leistungsdruck.
Auch wir psychotherapeutisch Tätigen profitieren von dieser Entwicklung und der Individualisierung von Leid und tragen daher eine große Verantwortung. Bevor wir also unsere Theorien auf unsere Klient*innen und Patient*innen anwenden, sollten und müssten wir uns häufiger fragen, ob es nicht auch strukturelle Erklärungen für die psychischen Symptome gäben könnte. „Folglich muss jede Heilung des Depressionsproblems eine kollektive, politische Form annehmen; statt das Problem der psychischen Krankheit zu individualisieren, ist es zwingend notwendig, die Individualisierung der psychischen Krankheit zu problematisieren.“ (Mikkel Krause Frantzen) Wir müssten Psychotherapie also politisch machen und uns selbst damit überflüssiger.